Digitalisierung in Apotheken – die Vorreiter im Gesundheitswesen
23.06.2022 14:11

Digitalisierung in Apotheken – die Vorreiter im Gesundheitswesen

Das Image der Apotheke ist eher ein konservatives, würden Sie dem zustimmen? Ein Ort, an dem die Medikamentenausgabe gegen Vorlage des Rezeptes vom Arzt erfolgt, wo Heilbehelfe angeboten werden und gelegentlich Arznei eigenständig für mildere Diagnosen erhältlich sind. Hier sitzt der Apotheker, wenn er gerade keine Kundschaft hat, im Hinterzimmer und widmet sich seinen Mixturen. So wurden und werden Apotheken häufig wahrgenommen, doch tatsächlich zählen sie bereits heute zu Vorreitern im Gesundheitswesen, wenn es um Digitalisierung geht.

Wir werfen einen Blick auf die aktuellsten Entwicklungen und mögliche Zukunftsszenarien von Apotheken sowie auf die größten Herausforderungen, aber auch Vorteile für die Branche und nicht zuletzt den Patient:innen selbst. 

Pharmazeutische Logistik als Auslöser für die Digitalisierung

In den Neunzigern widmeten sich Unternehmen mehr und mehr der Automatisierung von Prozessen in der Logistik, um effizienter zu werden. Apotheken erkannten damals früh die Chance, als erster ambulanter Leistungserbringer, die häufig wiederkehrenden Herausforderungen in diesem Bereich EDV-gestützt bewältigen zu können. Im Mittelpunkt der damaligen Digitalisierung standen insbesondere Lagerverwaltung und die Optimierung von Bestellprozessen, aber auch Abrechnungsprozesse, die bis damals mühselig mittels Apothekenscheinen und manuell geführten Listen bewältigt wurden. Diesen hohen administrativen Aufwand wollte man zeitgemäß minimieren, wodurch die erste Digitalisierungswelle in den Apotheken besiegelt war.1

Neue Herausforderungen und Chancen für Apotheken

Frau benutzt Tablet Computer

Während interne und operative Prozesse heute weitestgehend automatisiert sind, hat sich ein weiterer Wandel angebahnt. Menschen nutzen medizinische Leistungen heute anders als noch vor 15 Jahren. Sie erkundigen sich online nach Medikamenten, nach Krankheiten, nach Ärzten, Apotheken und sind bereit Arznei teilweise sogar online zu bestellen. Bei Letzterem lässt sich noch eine leichte Zurückhaltung beobachten, da Beratung zu den Medikamenten, ihrer Dosierung und Abstimmung mit anderer Arznei dabei noch zu kurz kommen. All diese Punkte zeigen jedoch auf, in welchen Bereichen sich Apotheken zukünftig weiterentwickeln können.

Mehr Kunden in Apotheken bringen

Eine Analyse von Suchbegriffen in Zusammenhang mit Apotheken ergibt, dass die häufigste Frage von Menschen jene, nach der nächstgelegenen Apotheke ist. Das zeigt, dass die Onlinepräsenz vieler Apotheken derzeit noch zu schwach ist. Sich öffentlich und in der Sprache ihrer Kunden mit aktuellen Gesundheitsthemen zu befassen und so als Gesundheitsberater zu etablieren, könnte ein Ansatz sein, sowohl die Präsenz als auch die Online-Expertise zu steigern. Menschen, die aus berechtigter Vorsicht und mangels Expertise den Onlinekauf von Medikamenten derzeit noch meiden, könnten so besser angesprochen und zunehmend über digitale Kanäle beraten werden. 

Ein weiterer derzeit im Umbruch befindlicher Bereich ist das elektronische Patientendossier (EPD). Es stellt eine digitale Gesundheitsakte dar, die Patient:innen, Ärzt:innen und Apotheker:innen vernetzt und Informationen über den Gesundheitszustand mit den jeweils erforderlichen Personen teilt. Derzeit besteht noch eine Freiwilligkeit seitens der Ärzte und Patienten über die Nutzung dieses Angebots, was zu einer trägen Entwicklung in diesem Bereich führen kann. Apotheken könnten hier erneut eine Vorreiterrolle einnehmen und als Gesundheitsberater und erste Anlaufstelle zum Türöffner des elektronischen Patientendossiers werden.

 Ärzt:innen können über das EPD Informationen zur Medikation sowie das Rezept selbst in digitaler Form übermitteln und Apotheker nach Freigabe durch den Patienten darauf zugreifen. Die Vereinfachung in der Übermittlung ist jedoch nicht der einzige Knackpunkt, denn: Die Quote an nicht eingelösten Rezepten liegt bei rund 10 Prozent.
Über digitale Kanäle können zukünftig Erinnerungen zur Abholung ausgeschickt werden oder auch wenn sich der Medikamentenbestand dem Ende neigt. In Anbetracht von durchschnittlich 80-85 Prozent des Umsatzes, den Schweizer Apotheken mit rezeptpflichtigen Medikamenten generieren, liegt hier großes ungenutztes Potenzial. 

Die Schwerpunkte, denen sich Apotheken aktuell und zukünftig widmen werden, lassen sich also wie folgt zusammenfassen:

  • Beratung und digitale Kommunikation mit Kunden
  • Digitale Inhalte mit Mehrwert, die eine kompetente Beratung ergänzen
  • Produktdaten digital verfügbar halten
  • Inklusives Design für barrierefreien Zugang - auch online
  • Das E-Rezept und das digitale Patientendossier

Diese Themen erfordern digitale Kompetenzen, die es zu erlangen und stetig zu fördern gilt, um Bedürfnisse zukünftiger Kunden mit modernen und professionellen Services begegnen zu können. Gleichwohl hängt vieles von der Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung ab.

Akzeptanz digitaler Leistungen von Apotheken

Speziell der Onlineversand von Medikamenten erfreute sich in den vergangenen Jahren hoher Beliebtheit. Same-Day-Delivery, E-Rezept-Collection - die COVID-19 Pandemie dürfte dabei für einen weiteren Schub gesorgt haben. Im Jahr 2020 gaben etwa 30 Prozent der unter 40-Jährigen an, den online Versand als praktisch zu empfinden und diesen auch zu nutzen. Weniger überraschend ist jedoch, dass zeitgleich das Vertrauen in das Internet als Beratungskanal mit nur 22 % sehr gering ausfällt.2 Ein Grund mehr für Apotheken, ihre Positionierung als Gesundheitsberater auf digitalen Kanälen weiter zu stärken. 

Mit Services wie der E-Rezept-Collection werden Wartezeiten vor Ort reduziert und das Kundenerlebnis weiter verbessert. Speziell dieses Konzept erfuhr im Handel während der Pandemie einen starken Vormarsch. Menschen können hier das E-Rezept an die Apotheke übermitteln, sobald sie dieses erhalten und werden dann verständigt, sobald dieses zur Abholung bereitliegt. Auch die Planbarkeit aufseiten der Apotheken wird dadurch verbessert. 

Doch auch weitaus aufregendere und wie aus einem Science-Fiction Film der 90er-Jahre wirkende Neuerungen sind aktuell - wenn nicht schon jahrelang - in der Entwicklung. Sie könnten bereits in nicht allzu entfernter Zukunft das Liefergeschäft im Bereich der Medikamente radikal revolutionieren. Aktuell wird am Klinikum Ingolstadt ein Forschungsprojekt im Bereich der Medikamentenlieferung per Drohnen der Universität der Bundeswehr München erprobt. 3 Zwar geht es innerhalb des Projektes vorrangig um die Lieferung von Medikamenten an Spitälern, aber dennoch ist eine ähnliche Umsetzung für den privaten Gebrauch auch denkbar. So können Apotheken in Zukunft als zentraler Akteur der Medikamentenlieferung auftreten und insbesondere Notfallmedikamente schnell und unkompliziert per echtzeitfähigem Drohnensystem voll automatisiert an den Menschen gebracht werden.

Die Zukunft von Apotheken

Daumen hoch in medizinischen Handschuhen

Zusammenfassend ist klar, dass das eingangs gezeichnete Bild der klassischen Apotheke längst überholt ist. Diese Branche zählt längst zu den Vorreitern, wenn es um Modernisierung - oder auch Automatisierung - im Gesundheitswesen geht. Eine Rolle, die natürlich ob der schnelllebigen Veränderungen und Bedürfnisse seitens der Kund:innen gewahrt werden möchte. Die Apotheke wird seine Position als Gesundheitsexperte und -berater weiter festigen und dies besonders auf digitalen Kanälen anstreben müssen.

Als häufig erste Anlaufstelle ist sie prädestiniert dafür, diese Rolle zu übernehmen und so die Nähe zu ihren Kunden in allen Gesundheitsbelangen zu wahren. Das sieht im übrigen auch Dominik Saner, langjähriger Apotheker, so. Lesen Sie hier, wie seine ganz persönlichen Einschätzungen dazu lauten.

 Die Akzeptanz von Services, wie dem EPD, fördert auf der anderen Seite auch die Digitalisierung bei Ärzt:innen – eine stärkere Vernetzung aller Akteure im Gesundheitsbereich, von der alle profitieren.

Titelbild von Mika Baumeister. Weitere Bilder von Diana Polekhina und Marek Lavek.

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